Dyke History and Dyke Research in Northern Germany: A Conference Report

by Cormac Walsh

On 19th October 2009, an interdisciplinary conference on dyke history and dyke research took place in Stade, a small town in the Elbe marshlands, to the northwest of Hamburg. The conference was organised by the landscape association of the former duchies of Bremen and Werden (Landschaftsverband der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden e.V.). Over a period of eighteen years the landscape association had commissioned a detailed historical study of the dykes of the Elbe and Weser river landscapes which has been published between 2003 an 2008 in the eight volumes by historians Michael Erhardt and Norbert Fischer.

The front cover of the most recent book of the series “Geschichte der Deiche an Elbe und Weser” (Source: Landschaftsverband Stade). 

The conference itself brought together perspectives from the disciplines of archaeology,  history, human geography, landscape ecology and climate science to explore the past, present and future of the dykes in the northern German context. Together the papers (all in German) addressed the material, societal and symbolic importance of the dykes for the Elbe marshlands and north sea coastal communities. Key themes included the historical shift from dyke construction and maintenance as a task for individual landowners to various forms of collective organisation, (Erhardt), the ways in which river dykes were selectively opened and closed to allow for input of river-borne nutrients (Fischer), current associations of coastal communities with dykes, as for example a childhood playground, a place of contemplation or social interaction (Döring & Ratter) and the relevance of the primary dyke-line in the current politics of environmental management at the  Wadden Sea coast (Walsh) and the implications of anthropogenic climate change for coastal protection over the coming century (Schirmer).

A fuller report on the conference by Jan Ocker and Susann Ocker is reproduced below. It was orignally published on H / Soz / Kult,  an online forum for historical research. It is reproduced here with kind permission of the forum editors and authors.

Deichgeschichte und Deichforschung in Norddeutschland. Ergebnisse, Felder, Perspektiven

Mit dem jüngst veröffentlichten Werk „Von Schlachten und Überfällen“ legten die Historiker Michael Ehrhardt und Norbert Fischer den achten und zugleich letzten Band der seit 2003 erschienenen Reihe „Geschichte der Deiche an Elbe und Weser“ vor.[1] Den erfolgreichen Abschluss des Projektes nahm der Landschaftsverband der ehemaligen Herzogtümer Bremen und Verden e.V. (kurz Landschaftsverband Stade e.V.) daher nun zum Anlass, um sich in der bewusst interdisziplinär angelegten Tagung facettenreich den norddeutschen Deichen – wesentliche Elemente des Natur- und Kulturraumes – zu widmen.

In ihrer Begrüßung hob GUDRUN FIEDLER (Stade) hinsichtlich der im Elbe-Weser-Dreieck zu erforschenden Deiche zunächst die Bedeutung der in Stade lagernden archivalischen Bestände hervor, um daraufhin auch den Konferenzort selbst als angemessen und würdig zu bezeichnen. HANS-ECKHARDT DANNENBERG (Stade) sah die Absicht des von einem großen, interessierten Auditorium begleiteten Symposiums darin, einerseits auf die umfangreichen Ergebnisse von Ehrhardt und Fischer zurückzublicken und den Autoren, aber eben auch etwa den Archiven, Deichverbänden sowie der Landschaft der Herzogtümer Bremen und Verden, auf diese Weise für die langjährigen Arbeiten zu danken. Andererseits sollte der Blick auf weitere Forschungsgebiete – hier sei exemplarisch die Archäologie zu nennen – ausgeweitet werden.

Als eine “gemeinsame menschliche Leistung” wertete BOTHO VON SCHWARZKOPF (Poggemühlen) die bestehenden Deichanlagen, die ihm aufgrund eigener biographischer Erlebnisse frühzeitig Respekt vor der Natur und ihren Gewalten eingeflößt hätten. In seiner Funktion als Präsident zeichnete er in groben Zügen die historische Entwicklung der Landschaft der Herzogtümer Bremen und Verden seit 1397 – verwiesen sei auf die Versammlung im niedersächsischen Basdahl – nach. Des Weiteren ging von Schwarzkopf auf die zahlreichen, von der Landschaft verantworteten Publikationen ein, die beispielsweise von der Beschäftigung mit Grabmälern bis hin zur diplomatischen Überlieferung des Bistums Verden reichten.

BERND KAPPELHOFF (Hamburg) fokussierte nachfolgend noch einmal dezidiert die Entstehung des achtbändigen Werkes zur Deichgeschichte im Elbe-Weser-Dreieck. Den Anstoß habe seinerzeit der Ritterschafts- und Landschaftspräsident Herwart von der Decken gegeben. Die beiden Verfasser Ehrhardt und Fischer hätten die verdienstvollen Arbeiten „mit großer Zähigkeit“ zufriedenstellend zum Abschluss gebracht. Kappelhoff ließ in seinen Ausführungen nicht unerwähnt, dass der in jeder Hinsicht schwergewichtige Obersiel- sowie Oberdeichrichter Jannes Ohling bereits in den 1960er-Jahren vergleichbare Deich-Monographien für die Region Ostfriesland vorgelegt hatte.

Im Eröffnungsvortrag betrachtete HANSJÖRG KÜSTER (Hannover) das Deichwesen im Lichte der Landschaftsforschung, wobei er zuerst auf die Entstehung der Marschen und Wurten einging. Wenngleich der Referent zwar die Grenzfunktion anerkannte, die Deiche zwischen dem Vor- und Hinterland ausüben, sprach er sich dennoch deutlich für die Aufhebung des noch weitgehend praktizierten Natur-Kultur-Gegensatzes aus. Anschließend beschäftigte sich Küster mit den Sielen sowie dem durch die Eindeichung in den Marschen entstandenen Reichtum, der sich besonders in den sehr guten landwirtschaftlichen Erträgen, dem Holzanbau, den Gebäuden, dem wertvollen (Kirchen-)Inventar und der Bildung zeige. Dabei dürften aber keineswegs die Gefahren vergessen werden, die etwa Schardeiche oder konkret auch die Elbvertiefung bergen würden. Schließlich formulierte Küster den Appell, nach dem Wattenmeer auch die hinter den Deichen gelegenen Marschen als offizielles Welterbe einzutragen.

Die erste Sektion, in der Deiche aus archäologischer Perspektive untersucht werden sollten, eröffnete STEFAN KRABATH (Wilhelmshaven) mit den Ergebnissen zu den meist nur schwer fassbaren Altdeichen. Der Baubeginn der ersten kleineren Anlagen könne in das 11. Jahrhundert datiert werden; seit etwa 1300 bestehe eine geschlossene Deichlinie. Zu den bedeutenden und frühen ostfriesischen Funden gehört ein freigelegter Eichenholzstamm aus dem östlichen Dollartgebiet, bei dem es sich um das älteste Siel handeln soll, für das allerdings keine dendrochronologische Auswertung – und somit keine Datierung – vorliegt. Im Weiteren widmete sich Krabath einzelnen Grabungen an der einstigen Crildumer Bucht und bei Emden sowie einer Ringdeichuntersuchung in Sillens auf der Halbinsel Butjadingen. Für das langfristige Bestreben einer exakten Bestandsaufnahme und den Schutz der ältesten Deiche sei eine systematische Laserscanerfassung notwendig.

Auch der Kreisarchäologe DANIEL NÖSLER (Stade) konstatierte – bezogen auf das Elbe-Weser-Dreieck – eine recht lückenhafte Aufzeichnung der Altdeiche, wobei er die historische Kartographie und neuartige Hilfsmittel wie die bereits von Krabath angesprochene Laserscanmethode als zielführend bezeichnete. Ausgehend von der Feddersen-Wierde, führte der Vortragende die infolge der Deichbrüche entstandenen Bracks als gut datierbare ‚Denkmale des Scheiterns‘ an, um daraufhin Informationen zum Hadeler Seebandsdeich sowie zu einem an der Oste gelegenen Stackdeich zu geben. Im letzten Teil seiner Ausführungen stellte Nösler das im Jahre 2015 in Kooperation mit dem Institut für Ur- und Frühgeschichte der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel durchgeführte Grabungsprojekt an der Krughörne – von Donat Wehner als „Schenke im Schlick“ bezeichnet – vor, das trotz des begonnenen Deichbaues eine Kontinuität des Wurtenanlegens belegen konnte.

In der zweiten Sektion, die Deiche in den sozio-geographischen und geo-politischen Kontext einzubetten suchte, beschäftigte sich zunächst MARTIN DÖRING (Hamburg) (BEATE RATTER (Hamburg) fehlte entschuldigt) mit der Frage, was Deiche für den Menschen darstellen. Die besondere Relation generierte der Referent aus 45 in Nordfriesland in den Jahren 2000/2001 und 2014-2016 durchgeführten Interviews, wobei er Mikrologien zum Themenfeld Deich extrahierte. Die künstlich geschaffenen Anlagen seien demnach keineswegs nur ein “historisches Schutzelement”, sondern vielmehr “Akteure in der Umwelt”. Die Bedeutung – so offenbaren es die Gespräche – lasse sich in vier Kategorien unterteilen: So erweise sich der Deich für die Befragten als Spielplatz, als Raum einer persönlichen Grenzerfahrung, als Kontaktzone sowie als kontemplativer Ort.

CORMAC WALSH (Hamburg) setzte sich daraufhin mit der Deichlinie als einem umstrittenen Element innerhalb der aktuellen (schleswig-holsteinischen) Wattenmeerpolitik auseinander. Dabei verwies er zunächst auf einen feststellbaren Paradigmenwechsel, demzufolge die Eindeichung in früheren Zeiten ausschließlich vor dem Hintergrund der Landgewinnung, heute primär hinsichtlich des Naturschutzes diskutiert werde. Den Deich selbst bezeichnete Walsh als eine “harte Grenze”. Mit Bezug auf die 2015 vom schleswig-holsteinischen Umweltministerium herausgegebene Schrift „Strategie für das Wattenmeer 2100“ sei der Natur-Kultur-Gegensatz zumindest implizit noch immer erhalten. Der Referent sprach sich deshalb – wie Küster – für eine Relativierung des Antagonismus aus. Weiterhin betonte er, dass der Deich zudem eine territoriale Grenze darstelle, gelte doch seeseitig das Landesgesetz, hinter dem Deich jedoch die kommunale Gesetzgebung. Dieser Sachverhalt führe – so Walshs These – dazu, dass eine regionale Identität erschwert werde. Eine Überwindung dieser Rechtslage müsste daher durch deichüberschreitende Maßnahmen geschehen.

Zu Beginn der dritten Sektion, die Deiche in ihrer historischen Dimension betrachtete, wandte sich MICHAEL EHRHARDT (Bremervörde) den beiden prägenden Begriffen Kabel und Kommunion zu, um sich in seinen Ausführungen auf die Art und Weise des Deichens – beschränkt auf den Rahmen der ordentlichen Deichpflicht – zu konzentrieren. Der Referent zeichnete in einem ersten Schritt die Entwicklung von der vielfach als ungerecht bewerteten und deshalb zumeist aufgegebenen Anschuss- zur Kabel-/Pfanddeichung nach. Dem System der Kabeln, bei denen es sich um ursprünglich durch Los zugeteilte Deichabschnitte handelte, als einer Form des individuellen Deichens folgte dann das als Kommunion bezeichnete kollektive Deichen – entweder durch Arbeits- oder pekuniäre Dienste verrichtet – mit dem gleichzeitigen Entstehen von Deichverbänden. Der Prozess zu der heute üblichen (monetären) Kommunion verlief in den Gebieten des Elbe-Weser-Dreieckes sehr unterschiedlich, wie Ehrhardt darlegen konnte: So wurde etwa im Land Wursten bereits 1661 die Generalkommunion eingeführt, während man die Pfanddeichung beispielsweise in Kehdingen erst im 20. Jahrhundert – nach mehreren erfolglosen Versuchen – aufgegeben hat.

NORBERT FISCHER (Hamburg) nahm sich in der Folge den speziell während der 1840er- bis 1860er-Jahre realisierten Plänen zur bewussten, kontrollierten Öffnung einiger bestimmter Deiche an. Dabei konnte er zeigen, dass die bis zu diesem Zeitpunkt vorherrschende Meinung, das Land müsse vor den hereinbrechenden Fluten geschützt werden, in einigen Regionen zugunsten einer erhofften Bodenmelioration aufgegeben wurde. Aus diesem Grunde kam es zu Vorstellungen einer durchlässigen Grenze, um ebenjenes überstürzende Wasser zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge zu nutzen. Die Umsetzung geschah etwa durch die Aufgabe der Sommerdeiche, die Absenkung der deutlich größeren Winterdeiche, das Anlegen von Überfällen – hierbei wurde die Deichkappe gestutzt, sodass in Maßen das als wertvoll befundene Schlickwasser übertreten konnte – oder auch durch Ein- und Durchlässe, wie dies an der Oste verschiedentlich ausgeführt wurde. Zuletzt ging Fischer auf (historisch begründete) amphibische, also nicht durch einen Deich geschützte Landschaften ein, bei denen etwa die erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eingedeichte Elbinsel Krautsand zu nennen sei.

Im Abschlussvortrag wagte MICHAEL SCHIRMER (Bremen) in seiner Funktion als Deichhauptmann des Bremischen Deichverbandes am rechten Weserufer einen durchaus kritischen Blick in die Zukunft. Der Küstenschutz stehe vor besonderen Herausforderungen, denen mittels verschiedener Strategien aktiv begegnet werden müsse. Einen wesentlichen Aspekt, der verstärkt in den Blickpunkt der Betrachtung rücke, stelle der bereits seit 50 Jahren bestehende Klimawandel mit dem weltweiten Anstieg der Temperatur und des Kohlenstoffdioxid-Ausstoßes dar. Auf die unvorhersehbaren ökologischen Folgen dieser Entwicklung hinweisend, habe das Ansteigen des Meeresspiegels bedeutende Auswirkungen auf das norddeutsche Deichwesen. Am Beispiel der überflutungsgefährdeten Stadt Bremen konnte der Referent mittels überzeugender Simulationen aufzeigen, welche Bedeutung der Erhaltung und Pflege der dortigen Deiche zukommt. Um auch weiterhin Schutz zu gewährleisten, würden Maßnahmen wie die Erhöhung der Deiche getroffen; theoretische Alternativen wären grundsätzlich auch das Anlegen einer zweiten und dritten Deichlinie, die Installation von Auffangbecken sowie die Errichtung eines Sperrwerkes.

Der gewählte Zuschnitt der Konferenz, das Thema der Deiche möglichst allumfassend zu beleuchten, erwies sich in jedem Fall als äußerst fruchtbar. Obschon im Hinblick auf eine vergleichende Analyse leider nicht alle zu erwartenden Regionen eine entsprechende Erwähnung fanden – hier seien allen voran Dithmarschen sowie die Kremper- und Wilstermarsch angeführt –, vermochte die Tagung wesentliche Ergebnisse zu bündeln und gleichfalls Impulse für weitere Forschungen zu liefern. Insbesondere der lobenswerte Ansatz der Interdisziplinarität hätte darüber hinaus noch die Möglichkeit geboten, zweifelsohne gewinnbringende Ausführungen zum Deich in der (norddeutschen) Literatur zum Vortrag zu bringen. Das insgesamt große Interesse an der Thematik verdeutlichten nicht zuletzt die Diskussionen, in denen immer wieder auch auf die Niederlande und Dänemark referiert wurde, weshalb zu begrüßen ist, dass die Beiträge in einem Konferenzband erscheinen werden.

Konferenzübersicht:

Gudrun Fiedler / Hans-Eckhard Dannenberg (beide Stade): Begrüßung

Botho von Schwarzkopf (Poggemühlen): Grußwort

Bernd Kappelhoff (Hamburg): Das Forschungsprojekt „Geschichte der Deiche an Elbe und Weser I-VIII“

Eröffnungsvortrag
Moderation: Hans-Eckhard Dannenberg (Stade)

Hansjörg Küster (Hannover): Deich und Nordseeküste aus Perspektive der Landschaftsforschung

Sektion I: Deiche im archäologischen Kontext
Moderation: Michael Ehrhardt (Bremervörde)

Stefan Krabath (Wilhelmshaven): Forschungen zu Altdeichen im nordwestdeutschen Küstengebiet – ausgewählte Untersuchungen auf der ostfriesischen Halbinsel und in Butjadingen

Daniel Nösler (Stade): Zur Archäologie der Deiche an der Elbe und ihren Nebenflüssen

Sektion II: Deiche im sozio-geographischen und geo-politischen Kontext 
Moderation: Norbert Fischer (Hamburg)

Martin Döring / Beate Ratter (beide Hamburg): „Was Deiche mit uns machen …“: Mensch-Deich-Verhältnisse in Nordfriesland

Cormac Walsh (Hamburg): Die Deichlinie als bedeutungsvolle Grenze in der gegenwärtigen Wattenmeerpolitik

Sektion III: Deiche im historischen Kontext
Moderation: Bernd Kappelhoff (Hamburg)

Michael Ehrhardt (Bremervörde): Kabel und Kommunion: Formen des individuellen und genossenschaftlichen Deichens im Elbe-Weser-Raum

Norbert Fischer (Hamburg): Übersturz und Überfall. Zum variablen Umgang mit Deichen im Elbe-Weser-Raum im 19. Jahrhundert

Abschlussvortrag:
Moderation: Bernd Kappelhoff (Hamburg)

Michael Schirmer (Bremen): Küstenschutz im Klimawandel – ein Blick in die Zukunft

Anmerkung:
[1] Michael Ehrhardt/Norbert Fischer, Von Schlachten und Überfällen. Zur Geschichte der Deiche an Mittelweser, Wümme und Aller (Schriftenreihe des Landschaftsverbandes Stade, Bd. 52; Geschichte der Deiche an Elbe und Weser, Bd. 8), Stade 2018.

Zitation
Tagungsbericht: Deichgeschichte und Deichforschung in Norddeutschland. Ergebnisse, Felder, Perspektiven, 19.10.2018 Stade, in: H-Soz-Kult, 13.11.2018, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7928>.

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